Siri und Google Now – übernehmen Smartphones die Kontrolle?

Google Now und Siri erleichtern uns das LebenFoto ©Bigstock

Smartphones sind künstliche Intelligenzen, die sogar beobachten und lernen können. Sie denken mittlerweile fast kritischer und analytischer, als es die Gesellschaft es tut. Waren sie einst als alltagserleichternde Helfer gedacht, so entwickeln sie sich allmählich zu alltagskreierenden Instanzen. Die belächelte Dystopie von einer Kontrollübernahme durch künstliche Smartphone-Intelligenz scheint alle andere als abwegig.

Sprachsteuerung – Kommunikation mit einer Maschine

Im 20. Jahrhundert nahm man Abstand von ihnen und wechselte notfalls sogar die Straßenseite. Im 21. Jahrhundert gehören die meisten Menschen selbst zu ihnen – zu den Personen, die leise oder sogar aufgeregt vor sich hin brabbeln, wenn sie an der Ampel stehen, im Zug reisen oder auf den Bus warten. Was vor einem guten Jahrhundert noch als Anzeichen einer psychischen Störung galt, zählt mittlerweile zum Alltag. Anders als noch vor einem Jahrhundert sind die scheinbar ziellosen Plaudereien auf der Straße in der heutigen Zeit keine wirren Selbstgespräche mehr (meistens), sondern sehr wohl an jemanden oder besser gesagt etwas gerichtet. Der Plauderer ist in diesem Szenario entweder mit einem Gesprächspartner verbunden und trägt einen Stöpsel im Ohr oder er spricht mithilfe der Sprachassistenzsysteme für iPhone oder Android-Geräte mit seinem Handy. Die Assistenzsysteme hören aufs Wort und führen die Befehle des Mobilfunkteilnehmers bereitwilliger aus, als ein wohlerzogener Hund. Lernfähig sind die kleinen Helfer auch. Die Kommunikation zwischen Menschen und Maschinen ist also in vollem Gange. Etwa die Hälfte aller Mobilfunknutzer greift mittlerweile auf sprachgesteuerte Assistenten zurück und schont damit die eigenen Finger. Annähernd 20 Millionen Menschen sprechen im Technologiezeitalter bereits regelmäßig mit Maschinen. Laut dem BITKOM-Präsidenten Dieter Kempf werden es bald alle Smartphone-Besitzer tun oder tun müssen. Seinen Spekulationen zufolge wird die Sprachsteuerung in wenigen Jahren nämlich das Standardsteuerverfahren der Geräte sein.

So erleichtern Google Now und Siri den Alltag

Sprachgesteuerte Assistenzsysteme können mittlerweile so gut wie alles:

  • bei der Navigation helfen
  • Textmitteilungen verfassen oder
  • Anrufe ausführen

Auf Befehl setzen sie Suchanfragen um und informieren den Nutzer über das Ergebnis. Sie greifen auf den Kalender des Smartphones zu, öffnen Emails und starten bestimmte Apps. Der Flug in den Urlaub verspätet sich? Auf dem Weg in die Arbeit steht der Verkehr? Eine neue Bar hat in der Nähe des Nutzers eröffnet? Alles kein Problem, denn Siri und Google Now wissen darüber Bescheid und lassen es den Smartphone-Besitzer bereitwillig wissen. Rund 13 Millionen Menschen nutzen die Assistenten zum Rufaufbau. Textmitteilungen sollen Umfragen zufolge etwa acht Millionen Nutzer von Google Now und Siri erstellen lassen. Knappe fünf Millionen lassen die Sprachassistenten in Suchmaschinen herumstöbern und etwa drei Millionen verwenden sie zusätzlich zur Steuerung von Apps und Programmen. Die Navigation geben zumindest zwei Millionen an Siri, Google Now und Cortana ab. Bislang nutzt man die Assistenzprogramme vor allem wenn man die Hände nicht frei hat oder wenn es schnell gehen muss. Beim Autofahren erleichtert die Bedienart zum Beispiel das Telefonieren. Der Fahrer muss die Hände nicht vom Lenkrad nehmen. Er startet mittels des Befehls „Bitte Kontakt x anrufen“ binnen Sekunden einen Rufaufbau. Auch die Navigation ist dem Autofahrer durch die Sprachsteuerung erleichtert. Wer auf dem Weg zu einem Meeting noch Emails lesen oder Informationen zu Mitarbeitern und Sachlagen einholen möchte, kann auch das über Sprachbefehle tun, ohne dabei von der Fahrt abgelenkt zu werden. Da der Alltag im 21. Jahrhundert immer stressiger wird, nimmt man zeitsparende Erleichterungen wie diese nur allzu gerne in Anspruch.

Wie Assistenzsysteme die Kontrolle über den Nutzer übernehmen

Noch bestimmten die Nutzer über die Aktivitäten von Assistenzsysteme wie Siri und Google Now. Sie geben ihnen Befehle und profitieren von der Ausführung. Bald werden die Systeme aber über die Aktivitäten der Nutzer bestimmen und ihnen in freundschaftlichem Plauderton Handlungsvorschläge anbieten. So warnt zumindest der Verbraucherschutz und könnte damit tatsächlich Recht behalten. In Zukunft sollen die Assistenten auf Basis von umfangreichen Datenbanken nämlich selbst aktiv werden und so praktisch die Gedanken des Smartphone-Nutzers lesen, bevor er selbst von ihnen weiß. Sie sollen in Eigenregie die Weckzeit auf dem Handy vorverlegen können, falls auf dem Weg zur Arbeit der Verkehr still steht. Aus den Emails sollen sie die Aufforderung zum alsbaldigen Rückruf auslesen und den Anruf selbstständig einleiten. Mit iOS9 und Android Marshmallow aktualisieren die Giganten Apple und Google gerade ihre Betriebssysteme und geben ihren Assistenzsystemen dabei umfangreiche Kontrolle über den Alltag der Smartphone-Nutzer. Das Alltagsleben soll von den Systemen detailliert beobachtet werden. Dazu greifen die Assistenten auf Emails, Soziale Netzwerke, WhatsApp-Chats, Suchanfragen und GPS-Daten zurück. Sie lernen aus den Verhaltensweisen des Nutzers und merken sich deren Vorlieben, indem sie ihren Austausch über Apps oder soziale Netzwerke beobachten. Aus allen gesammelten Kontextdaten wird ein Profil zur Person des Nutzers erstellt. Auf Basis dieser Datensammlung sollen die künstlichen Intelligenzen das Verhalten des Smartphone-Besitzers vorhersagen und ihn im Alltag noch tatkräftiger unterstützen. Die dazu eingesetzten Rechensysteme gleichen in ihrem Aufbau einem menschlichen Gehirn und sind zum Beispiel dazu fähig, an einem bestimmten Geschäft zum Einkauf aufzufordern, wenn der Nutzer seine Einkaufspläne zuvor in einem Chat kundgetan hat. Selbst etwas zu recherchieren, zu planen oder zu organisieren wird so bald nicht mehr nötig sein – ob das eine gute oder eher suboptimale Entwicklung ist, steht auf einem anderen Blatt Papier.

Künstliche Intelligenz – Verlust der eigenen Intelligenz?

Der leichte Weg ist für den Menschen der beliebteste Weg. Im 21. Jahrhundert hat sich dieser Zusammenhang noch verschärft, da das moderne Leben schon anstrengend genug ist. Wenn Siri und Google Now ihren Nutzern zukünftig also Handlungsvorschläge geben, wenn sie für sie recherchieren oder den Tagesablauf der Nutzer planen, dann wird das eine gern genommene Erleichterung sein. Wissenschaftliche Studien haben mittlerweile erwiesen, dass ein Großteil der Menschen einen Computer für vertrauenswürdiger hält, als seine Mitmenschen. Mit dieser Art Vertrauen werden sich die Nutzer vermutlich auf die Ratschläge und Vorschläge ihrer Assistenzsysteme verlassen, ohne sie auch nur zu hinterfragen. Wenn allerdings niemand mehr selbst recherchiert, sondern Informationen nur noch über Siri und Google Now abgerufen werden, bleibt an Information bald nichts mehr hängen. Die selektive Informationsbereitstellung von Maschinen gewöhnt einem zusätzlich die kritische Denke ab. Die Systeme liefern nämlich beabsichtigterweise genau die Informationen, die man gerne hören möchte. Wer nichts mehr selbst planen muss, wird außerdem unselbstständig. Im Fall der Assistenzprogramme gerät das Leben so in volle Abhängigkeit zu einer Maschine. Sich von einer künstlichen Intelligenz steuern zu lassen, beeinträchtigt auf Dauer die Intelligenz. Als wäre das noch nicht verheerend genug, warnen Datenschützer vor der bereitwilligen Bereitstellung sensibler Daten. Standortdaten verraten neben dem Arbeits- und Wohnort zum Beispiel auch etwas über die politische Einstellung oder die Krankheitsgeschichte des Nutzers, so vor allem bei Arztbesuchen oder Demonstrationen. Mit der Auswertung von Kalendern, Emails und Chats stellt man dem jeweiligen Anbieter weitere Daten zur Verfügung. Welche Daten wie lange gespeichert und wozu sie benutzt werden, geht aus den Geschäfts- und Datenschutzbestimmungen der Anbieter nicht zweifelsfrei hervor. George Orwells dystopischer Roman „1984“ lässt damit grüßen. Freiheit und Freigeistdenken war einmal.

 

DoroshinOleg/Bigstock.com

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